Persönlich

Isabel Zimmermann war darstellende Künstlerin, Projektleiterin in einem KMU der Baubranche und Teamleiterin in einem national bedeutenden Kulturbetrieb, bevor sie sich für die Arbeit als Coach weiterbilden liess.

Interview von Andreas Panzeri

AP: Vor Ihrem Einstieg als Coach waren Sie als Tänzerin und Sängerin unterwegs, später tätig als Eventmanagerin, Teamleiterin in der Wirtschaft oder auch Organisatorin an einem Theater. Was hat Sie zu einer weiteren Entwicklung ins Coaching motiviert?

Isabel Zimmermann: Weiterentwicklung ist eigentlich das Stichwort. Mich entwickeln können, weiter zu lernen, ist bei der Summe meiner Erfahrungen immer im Vordergrund gestanden. Über viele Jahre habe ich den Spagat zwischen Kunst und Wirtschaft gemacht. Aber ein Tänzerleben ist kurz. Und auch nachdem ich mich als Sängerin neu erfunden hatte, war mir klar, dass ich niemals als eine alternde Diva auf einer Bühne stehen wollte. Es war mir wichtig wach zu bleiben, um den richtigen Moment zu finden, den Kreis um meine darstellenden Künste zufrieden und versöhnlich schliessen zu können. In dieser Phase schien es mir an der Zeit, meine Erfahrungen in der Wirtschaft auch auf Papier ausweisen zu müssen. Doch bald wurde mir klar, dass es nicht darum geht, mein CV zu optimieren, sondern mein Leben zu leben. Was hat mich bisher dazu bewegt, das zu tun, was ich über all die Jahre getan habe? Ich fand meine Antwort im Bewahren einer tiefen Achtung vor dem menschlichen Leben. Was bewegt den Menschen? Wie kommuniziert er? Wie verhalten wir uns zu den Herausforderungen, die das Leben an uns stellt und was macht das alles mit uns und unserer Umgebung? Coaching ist ein Weg dazu, diese Fragen zu untersuchen und zu beantworten. Der Reifungsprozess auf dem Weg zum Coach ermöglichte mir, bisherige Erfahrungen und Erkenntnisse unter einen Hut zu bringen und wertzuschätzen: Das Geschenk der persönlichen Weiterentwicklung über lebenslanges Lernen.

Der Titel Ihrer Diplomarbeit hiess „Werte- und sinnbasierte Arbeit im Coaching?“. Was hat Sie an diesem Thema interessiert?

Die Erkenntnis, dass im Kern eines jeden Menschen Werte angelegt sind, die Sinnmöglichkeiten darstellen. Und die Tatsache, dass er sich jeweils über Sinn motiviert. Das interessierte mich brennend. Im Kurzzeitcoaching werden Ziele erarbeitet und Lösungen angestossen. Doch oftmals fanden mich auch Kunden mit krisennahen Themen, die zuerst eine Stabilisierung brauchten und Ziele deshalb noch nicht im Vordergrund stehen konnten. Ich suchte nach einer Methode, die diesem Anspruch gerecht werden kann und fand sie in der werte- und sinnorientierten Arbeit, die ich im Rahmen meiner Diplomarbeit untersuchte. Ich habe ein existenzialistisch-humanistisches Menschenbild. Werte- und Sinnorientierung stellt für mich eine Selbstverpflichtung dar und damit auch eine Verpflichtung, mich diesem Thema vertieft anzunehmen.

Kann man bei einem Coaching seine Werte verändern? 

Hier müsste ich eigentlich zuerst zurückfragen, was Sie unter Werte verändern verstehen. Werte sind für mich immer höchst persönliche Errungenschaften eines Menschenlebens, die es zu würdigen gilt. Wir alle sind im Leben von Werten gesteuert. Der Mensch ist ein sinnstrebendes Wesen! Die Werte sind der Treiber zu diesem Sinn. Werte, Normen und Glaubenssätze entstehen in einem Kreislauf von Wahrnehmung und Handlung. Sie entwickeln sich über persönliche Erfahrungen, der Familiengeschichte und der Sozialisierung in einer gesellschaftlichen Norm. Werte sind im Kern eines Menschen verankert und stellen Sinnmöglichkeiten dar. Die werte- und sinnbasierte Arbeit fokussiert das Entdecken des unikaten Wertekanons, den situativ sinnvollsten persönlichen Umgang damit und die dadurch verbundene Motivation zu einer Sinnverwirklichung. Im Coaching gibt es nun die Möglichkeit, dem auf die Spur zu kommen, diese Werte besser kennen zu lernen und durch das auch verstehen zu können, warum man sich wie verhaltet.

Sie haben früher auch in einem Architektur und Bauunternehmen gearbeitet, Fachmessen und Kongresse organisiert und in verschiedenen Branchen ein Team geleitet. Was können Sie aus der Wirtschaft mitbringen?

Das Wissen um die Anforderungen an das Unternehmertum an sich. Die Kenntnisse über die betrieblichen Herausforderungen mitsamt ihren systemischen Zusammenhängen im Umfeld von KMUs, NPOs und Kulturinstitutionen. Ich hatte immer Aufgaben, wo ich an verschiedensten Schnittstellen tätig war. Ich habe mich nie in nur eine Welt zurückgezogen, weder als Künstlerin, Kulturmanagerin, Vorstandsassistentin oder Projektleiterin und auch nicht in der Führung von heterogenen Teams, wie unter anderem im Umfeld von Architektur und Bauleitung. Dadurch hatte ich Einblick in die verschiedensten Welten von Menschen. Was sich daraus direkt ins Coaching übertragen liess, sind die Fragen und Anliegen rund um die unterschiedlichen Rollenanforderungen. Wie verhält sich der Mensch gegenüber Aufgaben, Ansprüchen und Herausforderungen, die er entsprechend zu vertreten und verantworten hat?

Bringen Sie dieses Wissen heute ins Coaching mit ein?

Nun. Es mag vielleicht irritierend klingen, aber es ist nicht wichtig, was ich an Wissen mitbringe. Deshalb ist an dieser Stelle zu bemerken, dass Coaching keine Fachberatung ist, sondern eine Begleitung eines Menschen, der immer der Experte seines Anliegens bleibt. Dr. Sonja Radatz, eine Quelle im Verlauf meiner Ausbildung, hat das in ihrem Buch „Beratung ohne Ratschlag“ hervorragend beschrieben.

Was ist denn die Aufgabe eines Coachs?

Menschen zu begleiten. Dazu mein Gegenüber zu erkennen und dort abholen zu können, wo es steht. Dieses Einlassen auf ein Gegenüber spielt im Coaching die zentrale Rolle. Erst darauf lassen sich Lern-, Entwicklungs- und Veränderungsprozesse bauen, die ich als Coach methodisch über die Prozesssteuerung zu verantworten habe. Ich habe es immer als Geschenk angesehen, Einblicke in die unterschiedlichsten Welten zu haben. Mich dafür ernsthaft interessieren zu können. Das lag immerzu im Kern meines Interessens. Im Rollenstudium meiner Bühnenfiguren genauso, wie in Verkaufsgesprächen oder dem Führen einer Abteilung oder eines Projektteams.

Welche Erfahrungen haben Sie im Bereich Kunst gesammelt?

Der Anspruch, immer wieder über sich herauszuwachsen und das Einlassen auf die fragile und intime Prozessarbeit während der Erarbeitung einer Produktion. Meine Motivation, damals unbedingt Tänzerin zu werden, war vorerst der Drang nach Selbstausdruck. In einem weitesten Sinn eine Selbstverwirklichung. Ich hatte eine unglaubliche Freude am Tanzen und ich habe diese Freude zelebrieren wollen. Ich hatte das Glück, diese Leidenschaft professionalisieren zu können. Mit dem Professionalisieren sind noch ganz andere Aspekte dazu gekommen. Nicht nur Freude, sondern auch die tagtägliche Auseinandersetzung mit den eigenen Widerständen, kurz: dran zu bleiben und zu wachsen.

Gab es nie Rückschläge?

Doch. Mit dem Tanzen hatte ich alles auf eine Karte gesetzt. Aber Knieprobleme erschütterten meinen Lebensentwurf. Während meiner Reha, die mir letztlich noch weitere intensive Tanzjahre ermöglichte, startete ich meine klassische Gesangsausbildung. Mit der Erfahrung von rund 10 Jahren Bühnentanz entdeckte ich, dass sich das Schaffen als Sängerin in seiner Disziplin dem Tanztraining sehr ähnlich verhielt. Klar könnte man sich auch mit einer schönen Naturstimme zufrieden geben. Aber mit der Wahl des klassischen Gesangsfach geht es mitunter darum, das Spektrum zu erweitern, um mehr Töne hervorzubringen und weitere Oktave zur Verfügung zu haben. Und so zeigte sich auch hier: man will über sich herauswachsen.

Stimmt es, dass Sie mit Ihrer Formation Flexibells das Format der Dinershow für die Schweiz eingeführt haben?

Ja tatsächlich. Wenn ich zurückschaue hat es immer wieder Punkte gegeben, wo ich – man könnte sagen per Zufall – in die Lage gekommen bin, Pionierarbeit zu leisten. Beim Tanzen als eine der Pionierinnen der Schweizer freien Tanzszene. Und lustigerweise hat sich das mit diesem Dinershow-Format wiederholt. Ich war rund zwei Jahre am Luzerner Theater als Gast unter Vertrag und wurde angefragt, ob ich für ein Luxushotel im Tessin eine Broadway-Show auf die Beine stellen könnte. Ich habe mich zuerst dagegen gewehrt, weil ich der Meinung war, ich mache Kunst und kein Kommerz (lacht).  Doch dann konnte ich die Gelegenheit erkennen. Das Begründen eines Ensembles während der kurzen Zeit einer Sommerpause. Dass das so eingeschlagen hat, auf das bin ich nicht gefasst gewesen. Wir alle nicht. Daraus haben sich weitere Engagements und neue Produktionen ergeben, woraus sich das Format der Dinershow entwickelte. Wir haben es über viele Jahre weiter führen können.

Können Sie auch Auftrittskompetenz vermitteln?

(lacht) Auftrittskompetenzen. Ja, das ist sehr gefragt. Ich sehe meinen Beitrag dazu aber weniger in der herkömmlichen Form eines Trainingsseminars, als in der persönlichen individuellen Arbeit. Gemeinsam mit der Kundin muss zuerst untersucht werden, was genau hinter ihrem Anliegen steht und was sie damit zu erzielen beabsichtigt. Aber auch der Zeitaspekt, bis wann was zum Tragen kommen muss, ist relevant. Erst dann können wir in einen massgeschneiderten Prozess einsteigen und die Arbeit im Sinne des Kundennutzens beginnen.

Warum sind Sie persönlich davon überzeugt, dass Coaching etwas bewirken kann?

Sicher primär aus eigener Erfahrung. Aber auch belegte Studien stützen dazu meine persönliche Meinung, wie zum Beispiel die von Dr. Annette Pannenberg. Die bekannte Unternehmensberaterin aus Bielefeld führte 2014 am 3. Internationalen Coaching-Fachkongress der Fachhochschule Nordwestschweiz auf, dass der Nutzen von Coaching im Unternehmerischen Umfeld die Kosten um 60 – 100 Prozent übersteigt. Das ist beachtlich. Wir leben in hektischen und von Informationen vollgestopften Lebenswelten. Coaching stellt den Nutzen dar, sich in einen neutralen Raum zurückziehen zu können und Abstand, Orientierung und neue Perspektiven zu gewinnen. Das ist Arbeit und kein Zufall. Und das ganz konkret auf eine selbstbestimmte und selbstwirksame Art und Weise. Man ist nicht beraten von jemandem, der einem drein redet, wie man etwas machen soll. Im Coaching will ein Mensch aktiv und selbstverantwortlich an etwas arbeiten. Genau diese Selbststeuerung macht die Nachhaltigkeit von Coaching aus. Coaching ist in meinen Augen eines der geeignetsten Formate, um mit der eigenen Entwicklungs- und Lösungswelt in Kontakt zu kommen und ermöglicht nächste Schritte und Lösungen handlungsorientiert in den Alltag zu tragen.

Für wen ist Coaching geeignet?

Eigentlich für alle die ein Anliegen haben und über genügend Selbststeuerung verfügen. Für Menschen, die ihr Leben selber gestalten und steuern wollen. Hier liegt für mich - wenn man das so sagen kann - eine der Berechtigungen, ein Coaching in Anspruch zu nehmen. In der Realität zeigt es sich aber oft, dass Coaching weniger prophylaktisch genutzt wird, als es von seinem Format her ebenso möglich wäre. Es wird gelitten und gewartet „bis es nicht mehr geht“. Das ist schade. Eine verpasste Chance, finde ich.

Wie erklären Sie sich, dass Menschen „lieber“ leiden als ein Coaching in Anspruch zu nehmen?

In jedem Menschen steckt ein hohes Potential an Kreativität und Ressourcen. Und auch verfügt er über die wertvolle Begabung, Bewältigungsstrategien anzulegen, die für ihn sehr wohl funktionieren. Es macht für ihn keinen Sinn, Bewährtes abzulegen. Und vielleicht wird ja alles wieder gut. Das ist für mich absolut nachzuvollziehen. Im Coaching wird aber nichts weggenommen, das funktioniert. Potential und Ressourcen gehören im Coaching zu den wichtigen Stützen. Sie sind zentral, richtig und wichtig. Bewährtes muss immer in Lösungen mit einbezogen werden. Was ist aber, wenn Bewältigungsstrategien nicht mehr standhalten? Ein Schicksalsschlag, worauf wir keinen Einfluss haben? Oder „einfach“ eine Krise? Ich wäre kein Coach, wenn ich nicht auch an den präventiven Nutzen von Coaching glauben würde. Mein Menschenbild macht einen Menschen geltend, der auf ein eigenverantwortliches, selbst gestaltetes und menschenwürdiges Leben ausgereichtet ist.

Sie sind mit Ihrem Angebot breit aufgestellt. Sie machen auch Krisencoaching. Wo sind Ihre Grenzen?

Meine Grenzen zu kennen und einen Auftrag abzulehnen, gehört für mich genauso zu meinem professionellen Schaffen, wie einen Prozess im Sinne des Kundennutzens erfolgreich steuern zu können. Die Tatsache, dass ein Kunde über den nötigen Willen verfügt, seine Fragestellung anzugehen oder genauer herauszufinden, muss gewährleisten, diese Chance vollumfänglich zu nutzen. Aus diesem Grund führe ich immer ein sorgfältiges Vorabklärungsgespräch. Zu diesem Zeitpunkt ist überhaupt noch nicht festgelegt, ob ich für das Anliegen dann auch der richtige Coach sein werde. Bin ich einem Thema nicht gewachsen oder ein Kunde verfügt über ungenügende Selbststeuerung, fühle ich mich eigens verpflichtet, dem Kunden die beste mir bekannte Adresse in Aussicht zu stellen.

Mir fällt auf, dass Sie von Kunden reden. Andere Coachs nennen diese Coachees oder Klienten. Warum Sie nicht?

Ich bin der Meinung, dass für viele der Begriff Coachee unverständlich ist. Und Klient wird im Kontext von Fachberatungen genutzt, wie zum Beispiel in der Therapie, beim Anwalt oder der Sozialarbeit. Im Begriff Kunde höre ich den altdeutschen Wortstamm kundare – „für sich kundig sein“. Und da ich mit Menschen arbeite, die das sind, arbeite ich mit Kundinnen und Kunden.

Interview: Andreas Panzeri, Medienbüro, www.panzeri.ch